Die Pomeranos in Brasilien

So sprechen die Pomeranos noch heute ihr pommersches Plattdeutsch, das sie ab 1856 mit nach Brasilien genommen haben. Sehen und hören Sie mal rein:  

Die Bevölkerungsexplosion, die mangelhaften Lebensbedingungen, die ständige Angst vor einem Krieg, waren einige der Ursachen, die tausende Pommern zur Auswanderung getrieben haben. Aber auch die Abenteuerlust kam hinzu. Viele haben ihre Heimat z.B. Pöhlen, Lubow, Alt-Draheim, Alt Valm,Tempelburg, Heinrichsdorf, Deutsche Krone, Regenwalde, Greifenberg usw. gegen das unbekannte Traumland Brasilien getauscht.

 

 

Mit Entschlossenheit und Mut haben sie begonnen, ihr Leben aufzubauen, mit Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen. Langsam formte sich eine eigene Kultur. Die harte Arbeit auf dem Land, die kräftige Ernährung und das wunderbare Klima ermöglichten es, daß die Einwanderer und ihre Nachkommen gesund und stark wurden. Der Boden war fruchtbar und die Familien waren es ebenso. Es sind kleine Gemeinden entstanden und es entwickelten sich schmucke Dörfer mit ertragreichen Feldern.

 

 

Jede Gemeinde baute eine Kirche und pflegte sie liebevoll. Die Glocken liessen sie unter grossen Opfern aus der alten Heimat kommen. Es entstanden Vereine, Schulen und Geschäfte. Auf den Friedhöfen, die als Ehrenstätte bezeichnet wurden, ruhen heute die alten Pioniere, die ihr Leben für den Aufbau der neuen Heimat gegeben haben. Obwohl es in Deutschland nicht gut aussah, behielten es die Einwanderer in liebevoller Erinnerung. Daraus wurde ein romantisch verklärtes Bild, das sie ihren Kindern und Enkeln bis zum heutigen Tag weitergeben. Trotz des Verbotes im 2. Weltkrieg, die deutsche Sprache zu benutzen, sprechen sie auch heute noch ihre mitgenommene Sprache, das pommersche Platt.

Es bereitete den Pomeranos einige Schwierigkeiten, das Pommersche Platt an die Jugend weiter zu geben. Die Kinder lernten es im Elternhaus, konnten es aber weder schreiben noch lesen, weil es keine Schriftform gab. Der Gedanke, deutsch zu lernen und zu vermitteln, wurde wieder verworfen. Es wäre eine neue Sprache gewesen. Da es auch in Deutschland keine plattdeutschen Fibeln und Lesebücher gab, mußten die Pomeranos mühsam eigene entwickeln. Heute hat sich das pommersche Platt durchgesetzt und ist in einigen Regionen eine offiziell anerkannte Amtssprache.

Wie alle Pommern, so tanzten auch die "Pomeranos" für ihr Leben gerne. Nur hatte man bei der Auswanderung an die Mitnahme pommerscher Volkstänze am wenigsten gedacht. Und so mußte der "Herr Schmitt" 10 x hintereinander oder noch öfter getanzt werden. Das änderte sich, als das Tanz- und Folkloreensemble "Ihna" aus Erlangen im Jahre 1989 seine erste Tournee durch den Süden von Brasilien unternahm. Begierig saugten die Tanzgruppen der Pomeranos die für sie neuen Tanzschritte und Tanzformationen auf und versuchten, sie zu übernehmen.

Mittlerweile gilt das Tanz- und Folkloreensemble „Ihna“ aus Erlangen bei den rund 260 deutschen Tanzgruppen im Süden von Brasilien als Vorbild für deutsche Folklore, an dem sich alle orientieren und nach dem sich alle richten. Durch mittlerweile drei Tourneen und drei jeweils 6-wöchige Volkstanz-Lehrgänge für Tanzleiter in Gramado, geleitet von Silvia und Landulf Jäger, hat sich die Erlanger Tanzgruppe diesen Ruf erworben. Doch damit nicht genug. Auf Initiative von Eike Haenel ließ die Pommersche Landsmannschaft in Lübeck 600 Exemplare des Tanzbuches „Tänze der Begegnung“ von Willi Schultz nachdrucken, die mit Hilfe der Firma Siemens nach Gramado verschifft wurden. In Erlangen wurden 12 brasilianische Trachtenschneider als Multiplikatoren in einem Workshop fit gemacht und regelmäßig werden die brasilianischen Tanzgruppen mit dem Trachtenbuch „Pommersche Volkstrachten“ von Hildegard Haenel und Ingrid Saenger und den dazu gehörigen Schnittmusterbogen ausgestattet. Dadurch sind sie in der Lage, Trachten selbst zu schneidern. Wurden von den brasilianisch-deutschen Tanzgruppen früher vorwiegend Dirndl und Lederhosen getragen, so hat sich das Bild gewandelt und man sieht heute mehr und mehr richtige pommersche Trachten. Die Grupo Folkorico Germanico "Alte Heimat" trägt z. B. bei ihrer Darbietung die neu geschneiderte Pyritzer Weizacker Tracht.

In diesem Fall hat die Tanzgruppe "Os Pomeranos" das Tanzpotpourri "Hans und Liese" nach einer Choreographie von Eike Haenel aus dem Ihna-Programm komplett übernommen. Leider läßt die Ausführung zu wünschen übrig. Das liegt an der fehlenden Anleitungsmöglichkeit. Es wären weitere Tanz-Lehrgänge und Workshops in Brasilien notwendig. Dafür fehlen die finanziellen Möglichkeiten. Das gemeinsame Tanzen mit den Pomerano-Tanzgruppen, die alljährlich nach Erlangen kommen, reicht einfach nicht aus.

 

Zum Inhalt der Tanzsuite "Hans und Liese":

 

Ein alter Brauch war in Pommern besonders beliebt: das Osterwasserholen. Die Mädchen mussten am Ostersonntag früh aufstehen und zu einer Quelle gehen, um Wasser zu holen. Gelang es ihnen, sich darin zu waschen, ohne vorher gelacht, gesprochen oder die Zähne gezeigt zu haben, so versprach ihnen der Brauch für ein Jahr besondere Schönheit. Das war natürlich ein besonderer Spaß für die Jungen. Sie lauerten den Mädchen unterwegs auf und versuchten, sie zum Lachen oder zum Reden zu bringen. Gelang es ihnen, so hatten die Mädchen Brabbelwasser: die Chance besonders schön zu werden, war für ein Jahr vertan.

 

Hans ist es gelungen, die Liese so zu erschrecken, dass sie Brabbelwasser hat. Mit der besonderen Schönheit ist es - zumindest für das kommende Jahr - vorbei. Liese ist so böse, dass sie die gerade begonnene Verbindung mit dem Hans wieder lösen will und sich weigert, an dem österlichen Tanzabend im Dorfkrug mit ihm zu tanzen. Ausgerechnet der Erbsbär, ein altes pommersches Symbol für Fruchtbarkeit, bringt dann doch noch alles ins rechte Lot.

 

Der "Pommersche Krakowiak" aus dem Tanzbuch "Tänze der Begegnung" von Willi Schultz - Pommerns bekanntesten Volkstanzsammler - ist der Abschluß im abendfüllenden Programm des Tanz- und Folkloreensembles "Ihna". Mittlerweile wird er von nahezu allen Tanzgruppen der Pomeranos getanzt - meistens wie auch in diesem Fall - nach der Original-Musik des Tanz- und Folkloreensembles "Ihna".

Pommern unter Palmen

Durch die pommerschen Trachtenbücher aus Erlangen tragen jetzt viele Pomeranos echte pommersche Trachten